Sandro Moiso
Luciano Parinetto, Transe e dépense, edizioni Tabor/Porfido, Valsusa-Torino 2024, 56 Seiten , 4 Euro.
Starhawk, Il tempo dei roghi, Edizioni Tabor/Erbas e salude, Valsus-Sassari 2024, 80 Seiten, 4 Euro.
AA.VV., La guerra delle foreste. Diggers, lotte per la terra,
utopie comunitarie, Edizioni Tabor, Valsusa 2024, 50 Seiten, 4 Euro.
Alle diese drei Bücher sind Teil der ‘Bundschuh-Reihe’, deren Name an
den „Bund des Stiefels“ erinnert, der die 1525 in Deutschland
aufbegehrenden Bauern in seinen Reihen vereinte. Die bereits zuvor
erschienenen Bändchen sollen nach dem Willen ihrer Autoren den Auftakt
zu den Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag einer der größten Volks- und
Klassenrevolten bilden, die sich zwischen Mittelalter und Neuzeit
ereignete, als der endgültige Sprung zur von der kapitalistischen
Produktionsweise beherrschten Gesellschaft begann.
Der Aufstand von Thomas Müntzer, seinen bäuerlichen Anhängern und
seine Folgen waren bereits in der Vergangenheit Gegenstand zahlreicher
historischer Forschungen, politischer Überlegungen und fiktionalisierter
Erzählungen (1), doch die hier vorgestellten Texte, die weit über die
zeitlichen Grenzen des Bauernkriegs hinausgehen, werden vor allem durch
die im Text deutlich zum Ausdruck gebrachte Überzeugung von den
Erfahrungen der Diggers unter der Führung von Gerrard Winstanley im England der Revolution des siebzehnten Jahrhunderts zusammengehalten.
Die Geschichte der Diggers, die sich im England des 17.
Jahrhunderts der Einfriedung und Privatisierung widersetzten, indem sie
Gemeindeland besetzten, um „gemeinsam zu arbeiten und gemeinsam das Brot
zu brechen“, war nur ein Kapitel in einem größeren Krieg. Die
Etablierung der industriellen Moderne war in der Tat alles andere als
ein friedlicher und linearer Fortschritt. Im Gegenteil, erst ein
regelrechter Bürgerkrieg, der Europa jahrhundertelang mit Blut überzog,
ermöglichte die Durchsetzung von Privateigentum und Lohnarbeit, die
Disziplinierung von Körpern und Territorien und die Auslöschung der
Gewohnheitsrechte der ländlichen Gemeinschaften.
Europa, dessen christliche Ursprünge heute allzu oft gepriesen und
besungen werden, entstand im Blutrausch und in niedergeschlagenen
Aufständen gegen die Werte, die das Christentum, der entstehende moderne
Staat, die Marktwirtschaft und die systematische Ausbeutung von Mensch
und Natur mit sich brachten und die mit Gewalt durchgesetzt werden
mussten, zum Sound von Repressionen, Prozessen, Folter und organisiertem
Terrorismus durch den bewaffneten Flügel der Kirche und des Staates,
der die Funktion übernehmen sollte, Männer und Frauen nach Doktrinen zu
bekehren und zu erziehen, die ihren materiellen Interessen und ihrem
Glauben und Wissen völlig fremd waren.
Ein authentischer Prozess der Zwangschristianisierung und
Kolonisierung, der denjenigen vorwegnahm und begleitete, der nach der
europäischen Expansion nach Amerika und anderen neu „entdeckten“ und
eroberten Kontinenten auf die indigenen Völker der Kolonien niederging.
Wie Luciano Parinetto in seinem Text schreibt: „Zwischen dem 15. und
16. Jahrhundert wurde die Kultur des Kapitals im Westen etabliert und
entwickelt, auch dank der ersten Akkumulation, die durch die Eroberung
Amerikas ermöglicht wurde. Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert
verbreitete sich die Hexenverfolgung (in Europa und Amerika). Gibt es
einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen?’ (2)
Offensichtlich eine rhetorische Frage, die dem Gelehrten dazu dient,
am Beispiel des Baskenlandes zu erläutern, dass der Teufel der
Inquisitoren und Richter des frühen 17. Jahrhunderts nichts anderes war
als die dämonische und immaterielle Repräsentation von Produktions- und
Reproduktionsprozessen des Lebens, die sich der Logik der
kapitalistischen Akkumulation entzogen und sie verleugneten und
ablehnten.
Dieser baskische Teufel scheint vielmehr die baskische Ökonomie
selbst zu verkörpern, und zwar zu einer Zeit, als die kapitalistische
Ökonomie der französischen Monarchie dabei war, sie durch die
Angliederung einer kleinen Region an den großen Staat auszulöschen, was
die ursprüngliche und andersartige Ökonomie zerstören würde. Die
Verbrennung der baskischen Hexen diente der französischen Monarchie in
der Tat dazu, eine sehr alte autonome Kultur zu beseitigen, die Trägerin
einer alternativen Wirtschaft war, die sich von der des Kapitals stark
unterschied. […] Eine Ökonomie, die auf Verschwendung und nicht auf
Akkumulation beruht und als solche bestimmten ‘wilden’ Ökonomien (3)
ähnelt, denen die Eroberer Amerikas seit der Zeit von Christoph Kolumbus
begegnet waren. […] Eine Ökonomie der Verschwendung, die auf die
mütterliche und fruchtbare Natur vertraut, die alles verschwendet und
alles zurückgibt, im Gegensatz zu einer Ökonomie, die die Natur durch
das unaufhörliche Streben nach Akkumulation, nach Verwertung (4)
auslöscht.
Ein Inquisitor jener Zeit, Pierre de Lancre, Berater des Königs im
Parlament von Bordeaux, der von Heinrich IV. von Frankreich beauftragt
wurde, einen Kreuzzug gegen die Hexen von Labourd, einem baskischen
Territorium an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien, zu führen,
erklärte: „Die baskischen Verhexten und die indianischen Verhexten
sind auf die gleiche Weise verhext! Die Basken sind anders (als die
Norm, d.Ü.) , die Hexen sind anders, die Indianer sind anders; die
unpersönliche Macht von Lancre hingegen ist normal, ebenso normal sind
die Massaker, die sie anrichtet, um sich zu erhalten und zu vermehren”. (5)
Aufgrund des Titels, der für diese Reihe von Ausführungen und
Rezensionen gewählt wurde, könnte man hinzufügen, dass Basken, Hexen und
Indianer Barbaren sind, d.h. Fremde in dem sozialen und kulturellen
System, das in den Jahrhunderten nach dem Jahr 1000 in Europa gewaltsam
etabliert wurde. Ein System, das jenseits der grundlegenden Banalitäten,
die von der gegenwärtigen bürgerlichen feministischen Bewegung und von
Me Too zum Ausdruck gebracht werden, gerade im Wissen und in den
Praktiken der Frauen sowie in der wirtschaftlichen und kulturellen
Autonomie der Frauen ein echtes „Monster“ sah, das um jeden Preis
ausgerottet werden musste. Dies zeigt der dritte der drei hier
besprochenen Texte, Starhawks Il tempo dei roghi. Darin heißt es, wie die Herausgeberinnen schreiben:
Die Autorin fragt nicht so sehr, warum die Hexenverfolgung
stattfand, sondern vielmehr, warum sie genau zu diesem Zeitpunkt in der
Geschichte stattfand (nicht im „dunklen Mittelalter“, sondern in der
„hellen Renaissance“). So führt das Buch in das 16. und 17. Jahrhundert,
die Jahrhunderte der großen Umwälzungen nach der „Entdeckung der neuen
Welt“ und der protestantischen Reformation, die Jahrhunderte der
Errichtung des Nationalstaats, der modernen Wissenschaft und der
kapitalistischen Wirtschaft. Ein Prozess, der in erster Linie auf der
Enteignung des Bodens, der gemeinschaftlichen Ressourcen, des Wissens
und des damit verbundenen Imaginären beruhte. Frauen waren von diesem
Wandel am stärksten betroffen, da ihre Rolle bei der Pflege und
Kontrolle biologischer Vorgänge den Kern des Lebens und der Autonomie in
ländlichen Gemeinschaften darstellte. Daher wurden sie zur Zielscheibe
der neuen Klasse der bürgerlichen Ärzte und Bürokraten und ihres –
ausschließlich männlichen – „wissenschaftlichen Wissens“, die kein
Wissen und keine Praktiken außerhalb ihres Monopols dulden konnten (so
wie die Kirche kein Wissen außerhalb ihrer selbst dulden konnte). Gerade
aus der Position der Frauen in der bäuerlichen Welt, die über das
Wissen über Kräuter und therapeutische Gesten sowie über vorchristliche
Rituale und Glaubensvorstellungen verfügten, wurde die Figur der Hexe
konstruiert. Aber es ist ein Porträt, das in den Akten der Prozesse und
im Blut der Folter und Verbrennung entstanden ist. (6)
Die Autorin zeigt uns nämlich, wie der reale Angriff des Staates und
des Kapitals auf Frauen, die als Hexen verstanden wurden, in
Wirklichkeit den Dietrich darstellte, mit dem die Einheit des Wissens
und der Praktiken der bäuerlichen Gemeinschaften im Zeitalter der
Enteignungen und Privatisierungen von Land und Wissen im Namen des
Profits und der individuellen Bereicherung geschwächt und gesprengt
wurde.
Ein Prozess, der zwar keine Ewigkeit dauerte, aber mehr oder weniger
bewusst zu der heutigen Gesellschaft des Wissens und des Reichtums
führte, die von dem sozialen Körper, der sie hervorgebracht hat,
getrennt ist. In der die Bereicherung des Individuums zum Kennzeichen
seines sozialen Wertes und seiner calvinistischen „Vollkommenheit“
geworden ist, wobei die Arbeit nicht mehr einer der Aspekte des
kollektiven Lebens ist, sondern eine authentische Ethik, der alle
anderen Parameter der Beurteilung und Analyse der Leistungen
unterliegen.
Ein Wandel, der die nachfolgenden Zeiten bis heute vollständig
geprägt hat und versucht, jede Spur der Barbarei auszulöschen, die in
uns, auch hier im Westen, und in anderen Völkern, die immer noch der
Logik des Kapitals und des Kolonialismus unterworfen sind, noch
vorhanden ist. Sie zwingt uns, uns erneut zu fragen, wessen wir beraubt
wurden und was uns helfen kann, im Kampf gegen einen Feind zu
widerstehen, der noch weitgehend derselbe ist wie damals.
Anmerkungen
- So zum Beispiel in Q (1999) von Luther Blissett/Wu Ming, die
nie offen ihre große Verpflichtung gegenüber Marguerite Yourcenars Opera al nero (1968) in Bezug auf die Ereignisse in der Stadt Münster der Wiedertäufer unter der Führung von Jam Matthyjs erklärt haben.
- L. Parinetto, Transe e dépense, Tabor/porfido 2024, S. 5.
- Zum Thema der „wilden Ökonomien“ könnte es für den
Leser nützlich sein, R. Marchionatti, Gli economisti e i selvaggi.
L’imperialismo della scienza economica e i suoi limiti (Der Imperialismus der Wirtschaftswissenschaft und seine Grenzen),
Bruno Mondadori Verlag 2008 und M. Sahlins L’economia dell’età della
pietra. Scarsità e abbondanza nelle società primitive, Verlag Valentino
Bompiani, Mailand 1980, zu lesen.
- L. Parinetto, op. cit. , S. 13-14.
- Ebd., S. 14.
- Starhawk, Il tempo dei roghi, Tabor/Erbas e salude 2024, S. 5-6.
Erschienen am 21. August 2024 auf Carmilla Online, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.
