Derzeit geht man von einer Gesamtzahl der weiltweit hungernden Menschen von fast 800 Millionen aus. Eine Reihe von Ereignissen – die globale Pandemie, eine Beschleunigung der Klimakrise, geopolitische Kriege und Konflikte, abnehmende Produktivität in der Landwirtschaft und finanzielle Unsicherheit und Volatilität haben dies Nahrungsmittelkrise verschärft. Derart sich überlagernde Krisenmomente haben im Zuge der Polykrise (Tooze), einer sich zuspitzenden Konstellation von vielfältigen Krisen, zu diversen Schocks geführt. (Klein)
COVID-19 führte zu einer Unterbrechung der globalen Ketten der Lebensmittelversorgung, wobei schon 2020 etwa 20 Prozent des weltweiten Lebensmittelkonsums aus importierten Lebensmitteln stammten. In der ersten Hälfte des Jahres 2020 setzte eine weltweite Rezession ein, die Arbeitslosenquote und die Zahl der weltweit Hungernden stieg an. Anhaltende Unterbrechungen der Lieferketten begünnstigten zumindest die Inflation, die auch die Lebensmittelpreise stark ansteigen ließ. Mitte 2022 stieg die Inflation der Lebensmittelpreise in Teilen Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Europas auf weit über 20 Prozent. Verschärft wird dieser Bereich der Polykrise durch eine wachsende globale Schuldenkrise, die vor allem die Länder des globalen Südens trifft. Die anhaltende Inflation der Lebensmittelpreise und steigende Zinssätze hat viele Länder gezwungen, zwischen der Rückzahlung von Schulden und der Sicherung der Ernährung der Bevölkerung zu wählen.
Geopolitische Konflikte haben das globale Nahrungsmittelsystem in den letzten Jahren weiter bedroht, vor allem die russische Invasion in der Ukraine. Sowohl Russland als auch die Ukraine sind wichtige Exporteure von Weizen, Mais und Ölsaaten. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine hat die Unsicherheit auf den globalen Lebensmittelexportmärkten verschärft, worauf die Finanzmärkte prompt reagierten und durch Spekulationsdelirien die Preise noch weiter in die Höhe trieben. Die Befürchtung, dass lokale Getreideknappheiten stattfinden könnten, löste spekulative Finanzinvestitionen auf den Getreideterminmärkten aus, sodass die Preise in Dimensionen stiegen, die nicht durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage erklärt werden können. Obwohl die Lebensmittelpreise im Laufe des Jahres 2022 etwas zu sinken begannen, kam es weiter zu einer erhöhten Volatilität und erhöhten Preisen auf den globalen Getreidemärkten.
Weiter haben die Auswirkungen des Klimawandels bereits jetzt verheerende Folgen für die Nahrungsmittelproduktion, man denke etwa an Indien, wo Hitzewellen im Jahr 2023 zu einem Rückgang der Weizenerträge um bis zu 25 Prozent führten. Extreme Wetterbedingungen beeinträchtigen die Nahrungsmittelproduktion in Getreide produzierenden Regionen wie Nordamerika, Australien und Südostasien. Die Beschleunigung des Klimawandels macht es nahezu unvermeidlich, dass es in mehreren Regionen der Welt zu gleichzeitigen Produktionsschocks kommen wird.
Die meisten Lebensmittel werden heute mit industriellen Anbaumethoden erzeugt, die auf Maschinen, chemischen Düngemittel, Pestiziden und einer begrenzten Auswahl an oft genetisch verändertem Saatgut beruhen. Dieses System hat die Erzeuger dazu veranlasst, sich auf eine schmale Basis von Grundnahrungsmitteln zu konzentrieren, die in großem Maßstab auf einheitlichen Feldern angebaut werden können. Der Aufstieg der industriellen Landwirtschaft in Verbindung mit der Urbanisierung förderte die großflächige monokulturelle Produktion von Grundnahrungsmitteln. Von Anfang an stützte sich dieses System auf einige wenige Grundnahrungsmittel, die auch heute noch den größten Teil des weltweiten Getreidehandels ausmachen. Im Laufe der Zeit nahm diese Konzentration weiter zu, so dass heute drei Getreidearten – Weizen, Mais und Reis – fast die Hälfte der menschlichen Ernährung und 86 Prozent aller Getreideexporte ausmachen. Zusammen mit Soja machen diese Getreidearten etwa zwei Drittel der menschlichen Kalorienzufuhr aus. Die Fragilität eines solchen Systems ist leicht erkennbar.
Konzentrierte industrielle Produktionssysteme sind zudem auf das fossile Kapital angewiesen, um landwirtschaftliche Maschinen betreiben und synthetische Düngemittel auf Stickstoffbasis und chemische Pestizide herstellen zu können. Fossile Brennstoffe werden auch für den Langstreckentransport des für die Weltmärkte produzierten Getreides verwendet. Die starke Abhängigkeit der industriellen Landwirtschaft von fossilen Brennstoffen macht sie nicht nur anfällig für Ölpreisänderungen, sondern trägt auch zum Klimawandel bei. Aktivitäten innerhalb der Lebensmittelsysteme, von der veränderten Landnutzung über die Lebensmittelproduktion bis hin zum Transport, sind für rund ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.
Eine sehr kleine Anzahl von Ländern produziert und exportiert Grundnahrungsmittel in eine viel größere Anzahl von Ländern, die auf diese Importe angewiesen sind. Dies führt zu einem Ungleichgewicht, bei dem die Ernährungssicherheit eines Großteils der Welt von nur einer Handvoll Länder abhängt. Daher können Störungen, die die Produktion in nur einem Exportland untergraben, die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln in vielen Ländern gefährden. Die Länder in den Regionen, in denen diese Methoden zuerst eingeführt wurden – Nordamerika, Australien, Südamerika und Europa – dominieren trotz der Liberalisierung die Märkte für Grundnahrungsmittel, wobei Liberalisierung und Globalisierung auch die Möglichkeit eröffnen, dass neue Marktteilnehmer zu Agrarexporteuren werden, man denke an die Sojaproduktion in Brasilien.
Zwar produzieren viele Länder Grundnahrungsmittel für den Eigenbedarf, doch die meisten produzieren nicht genug, um die Binnennachfrage zu decken, und sind daher auf die globalen Märkte angewiesen, um das Defizit auszugleichen. Ein Grund für den Produktionsrückgang in diesen Regionen ist ihre Unfähigkeit, mit den hoch industrialisierten Anbaumethoden der Agrarexportländer zu konkurrieren. Außerdem werden diese Methoden in den Exportländern häufig subventioniert, was die Lebensgrundlage der kleinen Lebensmittelproduzenten im globalen Süden weiter untergräbt.
Gleichzeitig haben neoliberale Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank (WB) in den 1980er und 1990er Jahren die Länder des Globalen Südens ermutigt, sich auf die Produktion von Exportprodukten wie Kaffee, Tee und Kakao und den Kauf von Grundnahrungsmitteln auf dem Weltmarkt zu konzentrieren. Diese Politik hat dazu geführt, dass viele afrikanische Länder südlich der Sahara eine Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten entwickelt haben.
Machtvolle transnationale Unternehmen dominieren derzeit bekanntlich die finanzialisierten Getreidemärkte. Eine kleine Anzahl mächtiger Finanzunternehmen auf diesen Märkten ist für enorme Preisschwankungen verantwortlich, was sowohl den Konsum der Lebensmittel als auch die Möglichkeiten der Erzeuger tangiert, landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Saatgut, Pestizide und Düngemittel kaufen zu können. Die Terminmärkte ermöglichen den Anlegern hohe Gewinne im Getreidehandel, was auch heißt, dass wenige große Finanzakteure, die mit Getreide spekulieren, Volatilität und Schwankungen benötigen, um Profite zu realisieren. In den letzten Jahrzehnten wurden die Regeln für Finanzinvestitionen auf diesen Märkten weiter liberalisiert, was dazu führt, dass die Zahl der institutionellen Anleger wieder wächst – Vermögensverwalter wie BlackRock über Hedgefonds bis hin zu Pensionsfonds, die in die Agrarrohstoffmärkte drängen, gerade wenn die Getreidepreise steigen und weiter in die Höhe getrieben werden können. Heute kontrollieren die ABCD-Konzerne – Archer Daniels, Bunge, Cargills und Louis Dreyfus – zwischen 50 und 70 Prozent des weltweiten Getreidehandels sowie beträchtliche Teile der Lebensmittelverarbeitungsketten. Diese Unternehmen haben in den letzten Jahren Rekordgewinne erzielt, während die Lebensmittelpreise in die Höhe geschossen sind. Diese Märkte sind Teil einer chronischen Polykrise, die wiederum in der Zuspitzung zu dem führen kann, was wir als Katastrophe gekennzeichnet haben.
