Für Achim

Ende September ist unser Freund und Genosse Achim Szepanski gestorben. Wir, politische und musikalische Weggefährten, haben im November in der Montagsbar im Prenzlauer Berg eine Gedenkveranstaltung organisiert. Wir wollen, soweit möglich, zumindestens Teile des Abends für alle dokumentieren, die an diesem Abend nicht dabei waren. 

Eingeleitet wurde der Abend von Achims Freund und Genossen Sebastian Lotzer, der auf die Bedeutung von Achims Arbeit für die Theoriebildung dessen einging, was vage und unscharf umrissen, als neue antagonistische Splitter – im Bruch mit der etablierten Linken – bezeichnet werden könnte. Einen Bruch, den Achim nicht erst seit der Verortung großer Teile der Linken im Corona- Ausnahmezustand fest an der Seite des Staates, für überfällig und historisch notwendig hielt. 

Durch den Tag mit Achim Szepanski:

Anschließend hat Karl-Heinz Dellwo, der Achim ebenso politisch wie freundschaftlich verbunden war, einen längeren Text von Achim, der diesem selber wichtig war, vorgetragen und dem ein längeres Vorwort vorangestellt:

Karl-Heinz Dellwo, Einleitung zur Erinnerungsfeier an Achim Szepanski am 30.11.2024 in der Montagsbar in Berlin

Mit Achim konnte man sich über alles unterhalten. Über die Beschränktheit des traditionellen Kommunismus, über die Beschränktheit einer woken Linken, über die Ohnmacht, die uns allen gleich ist, wenn wir die Aufgabe setzten, die fortschreitende Destruktion und Selbstdestruktion eines untergehenden Zeitalters aufzuhalten und vieles andere mehr. Aber eines kennzeichnete Achim: er hätte nie aufhören können, über den strukturellen Hintergrund und seine negative Prozesshaftigkeit nachzudenken und zu schreiben. Oft war er deprimiert darüber, dass so wenig Diskussionen stattfanden, vielleicht auch, dass er ignoriert wird. Ich habe ihn oft zu trösten versucht, indem ich ihm sagte, dass dieses ignoriert-werden nicht ihm gelte, sondern ein Versuch ist, über die eigene Ohnmacht hinweg zu tanzen. Wir kennen das von früher: Über Dinge, die unveränderbar scheinen, nichts weiter wissen zu wollen. Man muss aber sagen: das ist etwas spezielles in der deutschen Diskussion. Im englischsprachigen Raum gibt es eine lebhafte marxistische Diskussion, es ist dort  normal, sie zu führen. Achims Auflagen dort waren bald vergriffen. In China wurde seine Analyse über Kapital und Macht vom zweitgrößten chinesischen Staatsverlag für marxistische Theorien ins chinesische übersetzt und mit großen Brimborium von fünf marxistischen Professoren der dortigen Öffentlichkeit vorgestellt. Achim hat das gefallen. Wie so oft gilt: Der Prophet gilt wenig im eigenen Land. Er hat diese Würdigung auch verdient. Im deutschsprachigen Raum herrscht nur ein geistloser Mainstream und findet keine relevante Diskussion über das offenkundig Notwendige statt: Das historische Ende einer Epoche wird so behandelt, als könne alles einfach immer weiter verlängert werden. Dabei gerät alles Zivilisatorische des politischen Systems des Kapitalismus unter die Räder. Das System des Kapitalismus wird jetzt in pur propagiert, hier und da noch mit rosaroten Schleifchen, die historische Aufgabe der SPD seit Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914,  bei den Grünen mit einem seichten verpuffen ihres Wertepopkorns und konsequent dem Hochhalten der letzten Ideologie jedweder Preisgabe: Habecks neue Ideologie der Wirklichkeit, die FDP landet in der Normandie, um eine große Schaumschlacht für den realen Kapitalismus zu inszenieren und mit der CDU/CSU kommt die politische Fassade von BlackRock und den anderen Finanzkonglomeraten an die Regierungsmacht, die die Welt in Zonen aufteilt, in denen eine Surplusbevölkerung im Zustand des Vegetierens gehalten wird, Zonen, die es auch im Inneren der Metropolen geben wird. Ja, es bleiben noch die ideologischen Faschisten von der AFD mit ihrem Führerimitaten, als da: In der Entwertung aller Werte durch die sich vollendende Totalität der Lebensverwertung betrachten auch die unten, euphemistisch »Das Volk« genannt, alle Werte auch nur noch als instrumentell für ihre eigenen Zwecke. Auch das ist kein Fundament für einen neuen alten Faschismus. Auch den ideologischen Faschisten wird ihre Grundlage brüchig. Aber es ist die Grundlage für die Barbarei des Interesses. Jedes Interesse ist strukturell reaktionär. Für die, die hier noch eine Bemerkung zu DIE LINKE vermissen, achja, die kann man gerade vergessen. Achim wusste das und bestand deshalb darauf, dass wir uns über das Grundsätzliche Gedanken machen, dass wir die Prozesse verstehen müssen, die uns verohnmächtigen und in den Untergang treiben. Manche werfen Achim vor, dass er kompliziert geschrieben hat. Ja, stimmt, es ist nicht alles einfach konsumierbar und erhellt gleich unser Begreifen. Aber auch das hat historisch seine Gründe, wenn etwas noch nicht so einfach auftritt wie eine Neue Welt, die man irgendwann vor seinen Augen sieht und sich dann verblüfft fragt: ‚Wieso habe ich so lange dazu gebraucht‘. Dazu muss wahrscheinlich viel zerfallen sein vorher. Aber das zumindest ist unsere Pflicht: zu sehen, dass etwas zerfällt und wir nichts darin retten können. 

Ich möchte, das scheint mir an der Erinnerung zu Achim würdig, hier aus einem Text vorlesen, einem Vortrag von ihm, der ihm wichtig war und den er dieses Jahr für uns geschrieben und gehalten hat.

Eine letzte Anmerkung: Er wird uns allen fehlen. Politisch wie persönlich.

Achim Szepanski, Vortrag für die Galerie der abseitigen Künste am 17. Januar 2024 In Hamburg, Ort: Staats- und Universitätsbibliothek.

Überfischt, überbewertet, überkommuniziert, mit Marken überhäuft, überästhetisiert, übermedikamentisiert, überwacht, übervirtualisiert, übermedialisiert« (Kroker, Krooker, Cook 1989: 13). Es ist heute insbesondere die spekulative Kapitalisierung, die – untrennbar verbunden mit dem Aufstieg der vernetzten Computer – in Folge von ekstatischen Steigerungsexzessen zum Über geführt hat: Zu viel Kapital, aber auch zu viele Bilder und zu viele Zeichen, die jeglichen historischen Sinn neutralisieren und eine weiße Zensur durch Exzess ausüben. Diese Art der Simulation durch exzessive Realitätsüberlastung zieht eine neue Eskalation der Fettleibigkeit (Baudrillard) nach sich, die schließlich im Müll aller Art sichtbar wird: Atommüll, Chemiemüll und Industriemüll, aber auch das Übermaß an Meinungen, Gesetzen und Texten, die wie Kadaver im Strom des Verderbens und des Verderblichen treiben. Der Weltkapitalismus scheint in einen paradoxen, einen beschleunigenden und zugleich erschöpfenden Panik-Modus übergegangen zu sein, in dem die Ekstatik des Über als Überakkumulation und Überspekulation auf die destruktiven Aktivitäten des Kapitals trifft, insbesondere hinsichtlich der Kapitalisierung der Natur und der Erzeugung einer globalen Surplus-Bevölkerung.

Wir leben heute in einem Zustand der verlängerten Wachheit und der ubiquitären und multiplen Arbeit ohne Zeitlimit. Wir genießen die sich immer weiter beschleunigenden Exzesse der Überinformation und erfreuen uns an der Gefräßigkeit der elektronischen Links, akzeptieren die Fettleibigkeit des sozialen Körpers und die Überfülle des Derivativen, treiben delirierend durch die High-Speed-Ökonomie und sind Anverwandelte der Satteliten-Kommunikation – wir sind be- und gefangen in einer Aufmerksamkeitshysterie, wobei all die Aspekte der Beschleunigung, die anzeigen, dass sich zumindest ein Teil der Weltbevölkerung im globalen Norden im permanenten Transit befindet und mobil ist, auf entschleunigte Szenarien treffen, in denen die Surplus-Bevölkerung im globalen Süden in der Immobilität gefangen bleibt. Jedoch, instantan sind die Menschen im 24/7-Modus fast überall auf dem Globus connected, lückenlos in die immer dichter werdenden Netzwerke der Kommunikation, Information und der medialen Repräsentation integriert und sie sind fasziniert vom Szenario der medialen Banalität, das heute die wirkliche Pornographie grundiert, die reale Obszönität der Nichtigkeit, der Indifferenz und der Flachheit, wenn wir uns in den wahnhaften Exhibitionismus, der die sozialen Medien auszeichnet, versenken, wo die Quantität über die Qualität obsiegt. All die Überinformation, die sich in Bildern, Videos und Texten materialisiert, wird zum handelbaren Rohstoff, den das Tech-Kapital als Daten extrahiert und kapitalisiert. Alle Daten sind Kredit-Daten.

Die gegenwärtigen ökonomischen, sozialen und geopolitischen Konflikte, für die in den Medien der Begriff der „Polykrise“ (Adam Tooze) zirkuliert, könnten in ihrem Zusammenspiel in naher Zukunft durchaus eine katastrophische Dynamik entfalten: das spekulative Kapital und seine Blasenbildungen; ein Inflationsschub, der die Zentralbanken zu einer Straffung der Geldpolitik zwingt; Pandemien und eine brutale ökonomische Ungleichheit; die Schuldenkrise der Unternehmen, wenn die Zinssätze für Kredite steigen; eine Immobilienblase, die platzt; das steigende Risiko einer globalen Stagflation respektive Rezession.

Ein geopolitischer Schock wie der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, der zu einem Anstieg der Rohstoffpreise geführt hat. Die Besonderheiten Israels – ein kleines Land, dessen Kapital sich sehr schnell konzentrierte und leicht zu transnationalisieren war; anhaltende internationale Feindseligkeiten und die Besetzung eines anderen Volkes; und schwelende religiöse, ethnische und rassische Konflikte in einer Region, deren Klima sich schneller als jedes andere erwärmt – machen es zu einem Fallbeispiel für einen drohenden Zusammenbruch. Die anhaltende Stagnation der Produktivität im nicht-industriellen Sektor geht mit einer Inflation einher. Eine gewisse Rückkehr zum Protektionismus findet statt, die eine ökonomische und politische Entkopplung zwischen den USA und China nach sich zieht und in einem neuen kalten Krieg endet. Die Polykrise muss als neue Tendenzen der Postglobalisierung untersucht werden, die nun unter anderem die Frage von Unipolarität versus Multipolarität (BRICS) aufwerfen. Es gibt neue globale räumliche Logiken, die sich auf die Kontrolle von Netzwerken und deren Strukturen konzentrieren. Faktoren wie Interkonnektivität und Interdependenz sind die Schlüsselprinzipien von Netzwerkstrukturen, wobei sich die geopolitische Rivalität auf die Kontrolle nichtlinearer und nicht unbedingt hierarchischer Knoten in topologischen Netzwerken konzentriert, nicht unerwähnt bleiben dürfen die Tendenzen zu neuen Formen eines ultraliberalen und zugleich völkischen Faschismus. Und schließlich könnte die Klimakrise zu erbitterten Kriegen um Wasser und zu ungeahnten migrantischen Fluchtbewegungen führen.

Die Polykrise kann aber sicherlich als die Aufsummierung diverser Einzelkrisen begriffen werden. In einer Polykrise sind die verschiedenen Schocks, die die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bereiche durchdringen, zwar differenziert und von unterschiedlicher Intensität, aber sie interagieren und vermischen sich, so dass im Ergebnis das (offene) Ganze noch stärker in die Krise getrieben wird, als wenn die Krise lediglich das Ergebnis einer Summe von Teilkrisen wäre. Das Entscheidende besteht darin, dass diverse Schocks und Krisen zusammenwirken, sich überlagern und vermischen, so dass eine polyzentrifugale Krise hereinbricht, die katastrophischer als jede Krise ist, die nur aus einer Summe von Teilkrisen resultiert. Der Begriff »Polykrise« steht also nicht einfach für die Addition verschiedener Krisen, sondern für ein globalisiertes Krisen-Notfall-System, das durch vielfältige Vernetzungen, Interaktionen und Relationen gekennzeichnet ist. Die Gesamtheit dieser krisenhaften Dynamiken, die alle ein hohes Maß an Feedback-Effekten aufweisen, übersteigt die Summe ihrer Teile. Wie in der Quantentheorie ist nun das Ganze mehr als die Summe ihrer Teile, was letztendlich nur mit der Wirkmächtigkeit von Möglichkeiten, die den Verschränkungen von Prozessen innewohnen, erklärt werden kann. Der Begriff der Verschränkung zeigt, dass ein ganzheitlicher Gesamtzustand vorliegt, welcher in Folge von Überlagerungen von Teilen sehr viel mehr Zustände umfasst, als aus einer bloßen Addition und Summe der Teile folgen würde. Dies ist der quantisch-multiplikativen Zusammensetzung des Ganzen geschuldet.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob man dann noch von separaten Krisen sprechen kann, die sich verbinden und verzweigen, oder ob man eher von vernähten oder sich überlagernden Prozessen finanzieller, geopolitischer und anderer Ekstasen sprechen sollte, die zu einem zunehmenden öko-ökonomischen, systemischen Chaos oder Katastrophe führt. In der neuen finanziellen Kosmologie wird Zeit engineered, nicht erfahren. Die gegenwärtige Polykrise ist sehr speziell zeitlich, wobei sie polyvalente und destabilisierende Unsicherheiten besitzt, die nicht mehr länger durch einen Horizont von Möglichkeiten strukturiert werden können, sondern Grenzen, Wahrscheinlichkeiten und Abgeschlossenheit anzeigen. Zeitlichkeit ist hier weniger das Maß einer physikalischen Existenz, sondern eine Technologie, mit der systemische Bedingungen der Ökonomie gestaltet werden. Zeit wird selbst zum technischen Medium. 

In Zeiten der Katastrophe vermischen sich Realität und Fiktion. Der globale Informationskrieg ist derzeit angesichts des Ukraine- und des Gaza-Krieges in vollem Gange. Verschiedene Versionen der Realität prallen immer offener aufeinander. Es gibt nicht mehr wie in der alten Welt nur eine Realität. Das ist genau das, was Baudrillard unter Hyperrealität versteht.

Die Katastrophe kommt einer andauernden und sich verschärfenden Polykrise gleich, in der Zusammenbrüche in allen Bereichen stattfinden und eine Rückkehr zur Normalität in weite Ferne verschoben ist. Die Dinge werden beschleunigt und zugleich angehalten, bevor sie enden, um sie so auf unbestimmte Zeit in der Spannung ihrer Erscheinung zu halten. Die Katastrophe achtet eifersüchtig darauf, die Illusion der Ewigkeit zu zerstören, aber sie spielt auch mit ihr, indem sie die Dinge auf eine zweite Ewigkeit festlegt. Die Katastrophe vollendet sich nie, aber mehr als das, denn indem sie sich nie vollendet, wird sie zum Realen, zur Realität als Simulation ihrer selbst. Das Wort Katastrophe bedeutet im Griechischen ursprünglich kata (unten) und streiphen (Wendung), um eine Wendung nach unten anzuzeigen, einen Shift in einer zeitlichen Gravitation, gleich einem schwarzen Loch, das den Zeitraum neugestaltet.

Bei Katastrophen sind politische Funktionen, die Ökonomie und die materielle und soziale Fabrik gestört oder so weit unterbrochen, dass eine Rückkehr zur Normalität in weite Ferne rückt. Die Katastrophe ist ein Loch zwischen davor und danach, das durch die alte Rationalität nicht absorbiert werden kann, während eine neue Normalität auf sich warten lässt. Man könnte die Katastrophe auch eine Black Box nennen, in der die Rationalität des Modellierbaren, des Wissbaren und des Vorhersehbaren zusammenbricht. (Armand 2023: Kindle-Edition 128) Die Katastrophe ist multikausal und langwierig. Sie zeitigt das auf, was man den »homo catastrophicus« nennen könnte. Die Rede von der Katastrophe darf aber nicht dazu führen, dass der kritische Diskurs sich in die Idee der eigenen Zukünftigkeit verliebt, um sich zum Schluss einer Konservierung zuzuwenden, der des Planeten, der Humanität und der Kultur der Konsumtion (während das spekulative Kapitals die Zukunft kalt und rational kalkuliert). So würde man nur das Spektakel des Endes der Welt oder der Apokalypse. medial produktiv machen. Apokalypse und Aussterben sind nicht nur unterschiedliche, sondern unvereinbare Begriffe. Während die Apokalypse den Sinn eines Endes sichert, nimmt das Aussterben das Ende des Sinns vorweg.

Es geht nicht heute nicht lediglich um Covid, Finanzkrisen und den Klimawandel, sondern vor allem noch, wie viele Protestformen auch zeigen, um symbolische Formen, die nichts weiter formulieren, als dass jeglicher soziale Vertrag durchbrochen ist, während aber genau an ihn weiter appelliert wird. Das Ende würde sich dann perpetuieren und den Abyss immer weiter prozessieren. Der Mythos des No Future würde sich immer weiter in den Mythen der kommenden Auslöschung spiegeln, die sich selbst wiederum immer wieder erneuern würden. Die fortlaufende Inszenierung der Desintegration und der Rekonstitution der Inszenierung selbst – unter dem Banner des Mythos der Unmöglichkeit des Endes (des Kapitalismus) -, ist genau das, was Baudrillard als Simulation versteht. Noch das Versprechen auf Befreiung bleibt brauchbar oder wird simuliert, insofern es lediglich die Belastbarkeit des Systems testet. Baudrillard sagt deswegen auch, dass wir nach der Orgie leben (die alles befreit hat). Man darf die Rede vom Ende (der Welt) nicht mit der Katastrophe gleichsetzen. In der der Corona-Krise setzten die Staaten und Zentralbanken exorbitant hohe Geldsummen ein, um jede Möglichkeit, dass das System an sein Ende kommen könnte auszuschließen, während die Krise gleichzeitig die bisherige Zuversicht an das System als ein perpetuum mobile zumindest ankratzte. Gleichzeitig legt man Katastrophen-Bonds auf, als könnte man die Finanzmärkte adjustieren; diverse Symptome der Katastrophe wie die Klimakrise stellen die Funktionsfähigkeit des Systems in Frage, um es gleichzeitig zu proliferieren und zu beschleunigen.

Unter Marxisten herrscht weitgehend Einigkeit, dass die Finanzkrise von 2008 den Beginn einer strukturellen Krise des Weltkapitalismus markiert. Dieses wahrlich ökonomische Großereignis implementierte die Krise als ein Regierungsdispositiv, das die Gestalt einer, wenn auch niemals vollständig gelingenden Verwaltung der Ökonomie durch Finanzmärkte und Zentralbanken angenommen hat und gleichzeitig zu einer monströsen Form des politischen Urteils geworden ist. Im Gegensatz zur Medizin, in der die Krise die Heilung auslösen soll und damit verschwindet, geht die gegenwärtige Polykrise anscheinend nicht vorbei, vielmehr scheint sie in Permanenz zu delirieren, ohne jeden Ausweg, alternativlos wie der Kapitalismus selbst. Darin liegt für Marxisten die makroökonomische Implikation, dass Krisen im heutigen Kapitalismus zumindest ihre reinigende Funktion verloren haben; das Kapital braucht sie vielmehr, um seine chronische Ohnmacht zu verbergen. Was sich also ändert, ist die epistemische Funktion der Krise.

Die globale Finanzkrise von 2008 bespielte die Überspekulationin Dimensionen, Prozessen und Quantitäten von Geldkapital, die mehr als deutlich machten, dass die finanzielle Kapitalisierung die industrielle Produktion als den Motor des Kapitals ersetzt und zugleich eine kreative Destruktivität in die Ökonomie eingeführt hat, die weit über die Allokation des Kapitals zum Zweck der Warenproduktion hinausgeht. Es dominiert jetzt der (krisenhafte) Exzess des spekulativen Kapitals – die Beschleunigung der Kreation ständig neuer Vermögenstitel, ein Prozess, der in Abständen zu einem finanziellen Kollaps führt und weite Teile der Bevölkerungen vor allem im globalen Süden in immer neue Miseren, Verarmung und finanzielle Ungewissheiten stürzt. Mit der Ekstatik des spekulativen Kapitals verschwindet die fordistische Produktion der Fabrik im globalen Norden, um in allen möglichen Proliferationen im globalen Süden weiter zu existieren. Unterdessen kündigt das finanzielle Kapital den Sieg einer schwerelosen digitalen Ökonomie an, die sich einerseits von der „Realökonomie“ weitgehend befreit hat und sich der autoreferentiellen Spekulation überlässt, und andererseits die Realökonomie an den Finanzmärkten immer wieder kontrollieren muss, so dass von einer absoluten Loslösung des finanziellen Kapitals gegenüber dem Industriekapital nicht gesprochen werden kann. Es ist aber nicht die Realökonomie, welche die Finanzökonomie vorantreibt, sondern es ist umgekehrt die Finanzökonomie, welche die Realökonomie strukturiert. Dabei gilt es stets zu berücksichtigen, dass der „Wert“ eines finanziellen Investments dem kapitalistischen Produktionsprozess nicht nachgeordnet ist, sondern ihm vorausgeht.Er existiert nicht, weil Mehrwert produziert wurde, sondern weil das finanzielle Kapital zuversichtlich ist, dass die Realisierung von Renditen in der Zukunft stattfinden wird. 

Wir können bei den modernen Finanzkrisen immer wieder dasselbe beobachten: Die Ausweitung der Kreditvergabe mobilisiert Geld für Derivate, deren Preise mit höherer Nachfrage steigen. Diese Derivate, mit denen Käufer etwa auf steigende oder fallende Rohstoffpreise wetten, dienen wiederum als Sicherheit für weitere Kreditaufnahmen, wodurch eine Feedbackschleife in Gang gesetzt wird, in der Kredite die Entstehung von Vermögenswerten befördern und diese als Sicherheiten die Kreditvergaben weiter mobilisieren. Dieser berüchtigte Tretmühleneffekt schleust immer neue Akteure in den Markt, die aufgrund der intensiven Konkurrenz ihre Investments risikoreicher gestalten müssen. Die Antwort der professionellen Wertpapierhändler (Trader) darauf ist, dass sie ihre Investments durch Kreditaufnahme erhöhen (Leverage), worauf die Masse der Trader mit der Anwendung derselben Strategien antwortet, was wiederum die Gewinne auf Dauer sinken lässt. Schließlich können kleine Turbulenzen an den Märkten zu einem systemischen Zusammenbruch führen. Finanzkrisen sind wie jede kapitalistische Krise in gewisser Weise auch immer Krisen der Überproduktion. Es gilt hier zwei unterschiedliche Dynamiken zu bedenken, die jedoch auch in Beziehung zueinander stehen: Während in der Industrie Überkapazitäten, die mit fallenden Profitraten einhergehen, für den Abschwung charakteristisch sind, ist an den Finanzmärkten der Tretmühleneffekt, ausgelöst von einer übermäßigen Spekulation, die eben nicht nur ein Symptom, sondern auch Ursache der Überproduktion sein kann, dafür verantwortlich, dass die Preise für finanzielle Investments unter die Werte der ausstehenden Schulden fallen, so dass es zu Insolvenzen kommt, während die Liquidität versiegt und die Blasen platzen. 

Das globale Geldkapital ist heute weniger in Industrie- oder Technologieunternehmen geparkt oder wird aktiv über bestimmte Hedgefonds und Banken verwaltet, sondern wird von großen Vermögensverwaltungsgruppen wie BlackRock, State Street und Vanguard verwaltet (und passiv verwaltet), die nach dem Finanzkollaps von 2008 zu einer wichtigen Fraktion des transnationalen Kapitals geworden sind und neue Investitions- und Kontrollfunktionen auf globaler Ebene übernehmen. Diese Vermögensverwaltungsfirmen folgen mit ihren diversifizierten Portfolios zunehmend passiv den Aktienindizes, anstatt aktiv mit Aktien, Anleihen oder Derivaten zu handeln; sie agieren eher als Finanzintermediäre, wenn sie die Aktionärsfunktion in öffentlichen Unternehmen übernehmen und Finanzkanäle bereitstellen, in die wohlhabende Eliten investieren.

Ein großer Teil des von den Vermögensverwaltern eingenommenen Geldes wird in Finanzanlagen wie Aktien und Anleihen investiert (BlackRock usw.), aber bei weitem nicht alles, und immer weniger. Einige Vermögensverwalter (Blackstone, Harrison Street, Safanad, Foresight Group usw.) investieren die ihnen anvertrauten Gelder immer häufiger nicht in Finanzanlagen, sondern in zwei andere wichtige Arten von Vermögenswerten. Bei der ersten handelt es sich um Immobilien, bei der zweiten um Infrastrukturen, von physischen Wasserversorgungsnetzen über Straßen und Krankenhäuser bis hin zu Stromübertragungsnetzen.

Heute stellt sich die Frage einer kommenden Finanzkrise wieder eindringlicher vor dem Hintergrund der Stagflation, dem Mix aus Inflation und Stagnation. Die infolge der Covid-19-Krise entstandenen Engpässe in den globalen Lieferketten führten zu einem Preisanstieg bei Zwischenprodukten, Rohstoffen, Halbleitern und fossilen Energieträgern. Die massiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen der Staaten und Zentralbanken trugen zur Inflationierung bei. Hinzu kommt eine veränderte Dynamik des kapitalistischen Wettbewerbs, nämlich die Fähigkeit einiger Großunternehmen, die Versorgungsblockaden auszunutzen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Schwere Dürreperioden verstärken die Sorge um den Zugang zu Nahrungsmitteln, was die Volatilität und Spekulation an den Finanzmärkten antreibt. 

Das wohl größte Non-Event der neoliberalen Ära des Kapitalismus ist die Stagnation der Wirtschaft in der Phase der vierten “industriellen Revolution”, die auch durch die digitale Automatisierung und die damit verbundenen Produktivitätsfortschritte noch nicht überwunden ist. Das Paradoxe ist, dass die Produktivitätswachstumsraten im verarbeitenden Gewerbe gerade dann einbrachen, als sie aufgrund der Automatisierung eigentlich rapide ansteigen sollten.

Das schwache Wirtschaftswachstum in der kapitalistischen Weltwirtschaft wird seit dem Jahr 2022 von einer unerwarteten Inflation der Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreise begleitet. Bei der Inflation scheint das Geld an Wert zu verlieren oder es scheint ein Überschuss an Geld im Umlauf im Vergleich zu den auf dem Markt befindlichen Waren zu geben. In Wirklichkeit sind es jedoch die Preise, die sich ändern und steigen. Um das Phänomen der Inflation zu verstehen, sollte man die Preisentwicklung untersuchen.

Die Unternehmen erhöhen die Preise, um ihre Gewinne zu steigern. Eine starre Preisfestsetzung ist jedoch nur für Unternehmen mit einem hohen Maß an Marktmacht möglich. Die großen Konzerne haben ein vielfältiges Produktportfolio, und ihr Verkaufsmanagement und Marketing sind so ausgefeilt, dass ihre Kunden auch in Krisenzeiten treu bleiben.

Wäre der derzeitige Anstieg der Inflation in bestimmten Industriezweigen allein auf Probleme in den globalen Lieferketten und den Ukraine-Krieg zurückzuführen, wäre dies in der Tat eine vorübergehende Erscheinung. Es ist jedoch auch zu beachten, dass beispielsweise die Energiepreise in erster Linie auf den Finanzmärkten reguliert werden, was mitverantwortlich für deren Preisanstieg war.

Zwar spielen Angebot und Nachfrage auf den traditionellen Märkten eine gewisse Rolle bei den dramatischen Schwankungen der Öl-, Gas- und Lebensmittelpreise, doch die weitaus bedeutendere Ursache für den Anstieg der hohen Preise (und ihren anschließenden Absturz) liegt auf den Finanzmärkten.

Derivate stehen heute im Mittelpunkt der Spekulation, und sie sind bis zu einem gewissen Grad vom Preis des zugrundeliegenden Vermögenswerts, wie z. B. Öl, abgekoppelt, wenn auch nicht völlig entkoppelt. Es werden heute wesentlich mehr Derivate und Terminkontrakte ge- und verkauft als Barrel Öl gehandelt werden.

Bei Haushalten mit niedrigen und mittleren Einkommen wirkt der Anstieg der Energiepreise direkt auf das Konsumverhalten. Sie werden zu Einsparungen gezwungen und erleiden Realeinkommensverluste. Die staatlichen Ausgleichszahlungen sind für die unteren Schichten wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Sozialpolitik geht es nun wie dem Politischen selbst. Man verabreicht sie den Massen in einer homöopathischen Dosis, verdünnt sie so weit, dass sie im Verhältnis zur Gesamtlösung verschwindend gering wird und nur noch eine Spur hinterlässt, die so winzig ist, dass sie kaum mehr wahrgenommen wird, aber schließlich als Simulation (als eine Politik der wohlgemeinten Ratschläge, wie man spart) überlebt. 

In diesem Zusammenhang wird das Dilemma der großen Zentralbanken evident: Wenn man die Geldpolitik zu sehr strafft und die Zinssätze zu schnell anhebt, könnte dies dazu führen, dass die Kosten für die Aufnahme von Krediten so stark ansteigen, dass die Neuinvestitionen der Unternehmen weiter zurückgehen, die Verbrauchernachfrage ins Stocken gerät und es zu einem Konjunktureinbruch kommt. Wenn die Zentralbanken jedoch nicht entschieden genug handeln und bis zu einem gewissen Maß ihre Politik des billigen Geldes weiterführen, ist die hohe Inflation möglicherweise gar nicht vorübergehend. Allerdings können die derzeitigen Inflationstendenzen mit der Erhöhung der Zinssätze gar nicht gestoppt werden, denn es gibt keinen Zinssatz, der die Lieferketten entzerren oder die Energiekosten senken kann. Zinserhöhungen wirken sich jedoch auf die Nachfrageseite aus, indem sie die Kreditaufnahme verteuern, die Investitionen und die Konsumnachfrage verringern und damit eine Rezession beschleunigen können. Unter diesen Umständen verlieren die Arbeiter ihre Fähigkeit, höhere Löhne auszuhandeln, und leiden unter einem Rückgang ihrer Kaufkraft.

Im Finanzsektor tauchte das Gespenst einer kommenden Finanzkrise erstmals wieder im Frühjahr auf. Die Silicon Valley Bank (SVB), ein regionales Bankinstitut mit engen Verbindungen zu den Tech-Unternehmen in den USA, ging im März in die Insolvenz und wurde von den US-Aufsichtsbehörden geschlossen. Der Zusammenbruch war ein lokales Ereignis, aber gleichzeitig ist er doch das Symptom einer globalisierten Finanzkrise. Das Problem der SVB waren die zehnjährigen Staatsanleihen, in die viele US-Banken seit 2022 einen großen Teil ihrer Einlagen investiert hatten. Deren Marktbewertung war aufgrund der gestiegenen Zinssätze gesunken, weil ihre Zinsen niedriger als die der neuen Anleihen sind. Wenn die Zinssätze steigen, fallen die Preise der alten Wertpapiere. Staatsanleihen galten als die sichersten und liquidesten Vermögenswerte überhaupt, doch in Wirklichkeit erwiesen sie sich als anfällig für Veränderungen des monetären Umfelds, denn als die Banken versuchten, sie zu veräußern, war ihr Marktwert weit unter ihren Nominalwert gefallen.

Wodurch zeichnet sich die gegenwärtige Krise nun an den Weltmärkten aus? Die höheren Zinssätze der Fed stärken den Dollar und intensivieren die Kapitalzuflüsse aus den Schwellenländern an die US-Finanzmärkte. Die Politik der Fed ist also nicht nur innenpolitisch motiviert – und war es auch nie. In einem historischen Moment, in dem sich in Asien und Afrika eine Nicht-Dollar-Zone bildet, arbeitet die Fed daran, die globale Vorherrschaft des Dollars auf breiter Ebene wiederherzustellen. So werden die Preise für Energie und pharmazeutische Produkte zu einem großen Teil an den Weltmärkten in Dollar abgerechnet, so dass die Kosten für die Einfuhr dieser lebenswichtigen Produkte in den Schwellenländern in die Höhe schnellen und die Inflation im Inland anheizen. Während also die Technokraten der Fed die Zinsen anhoben, um die Wirtschaftstätigkeit im eigenen Land zu dämpfen und die Inflation zu senken, haben sie gleichzeitig die Inflation ins Ausland exportiert.

Allerdings sank im Jahr 2022 der Dollaranteil an den weltweiten Reservewährungen zehnmal schneller als im Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte davor. Im Jahr 2001 betrug der Dollaranteil an den globalen Währungsreserven noch 73 Prozent, in der Folge fiel er bis zum Jahr 2021 auf 55 Prozent und sank schließlich im Jahr 2022 auf 47 Prozent. Angesichts dieser explosiven Lage kann man festhalten: Die USA benötigen fremde Rohstoffe, während die BRICS-Staaten selbst Währungen erschaffen können, die an Sachwerte wie Gold, Öl und Mineralien gekoppelt sind. So verlagert sich die Preisbildung bei Öl und Gold bereits nach Russland, China und Westasien. Infolgedessen geht die Nachfrage nach US-Dollar zurück, womit die Kaufkraft des Dollars und sein Wechselkurs in Zukunft sinken werden. In einer Zeit, in der die auf dem Dollar basierende globale Vormachtstellung zu scheitern droht, verlassen sich die USA weiterhin auf den militärisch-industriellen Komplex als Rückgrat ihrer Währung. Allerdings scheint China nicht in der Lage zu sein, den Status der USA als hegemoniale Weltmacht entscheidend zu schwächen, da seine Industrie heute bereits durch finanzielle Exzesse angetrieben wird, die mit denen des Westens vergleichbar sind.

Eine schuldengetriebene Kapitalwirtschaft erfordert von Natur aus die Schaffung von immer mehr Schulden. Mehr Schulden erfordern folglich mehr Wachstum und vielleicht sogar ein nichtlineares Wachstum verschiedener Kapitalformen, um die zur Zahlung der Zinsen erforderlichen Gewinne und Renditen zu erzielen. Trotz der negativen externen Effekte wie Umweltzerstörung und dysfunktionale soziale Beziehungen, die mit der Aufrechterhaltung des Wirtschaftswachstums verbunden sind, ist Wachstum oder erweiterte Kapitalakkumulation absolut notwendig, um sicherzustellen, dass auch nur ein Teil der Schulden zurückgezahlt wird. Nach Robbins/Di Muzio enthält heute jede wirtschaftliche Transaktion Zinsen, ob es sich nun um den Kauf einer Ware, die Zahlung einer Miete oder Hypothek, den Genuss eines Restaurantessens oder die Bezahlung einer Dienstleistung handelt; im Grunde genommen sind Zinsen die Schulden von jemandem.

Es ging bei der ersten industriellen Revolution unter anderem um die Durchsetzung einer auf fossilen Brennstoffen basierenden Technologie, eine bis heute vergiftete Frucht der Geschichte, so Andreas Malm. Das gegenwärtige Klima ist ein Produkt von andauernden CO2-Emissionen in der Vergangenheit. Der Transfer des Kohlenstoffs, der von geologischen Reserven ausging und zu Feuerstellen führte, um dann in die Atmosphäre emittiert zu werden, setzte den Prozess in Gang. Es braucht seine Zeit, bis eine bestimmte Quantität von CO2 Emissionen als Wärmeertrag erkannt wurde und bevor dieser sich im planetarischen Ökosystem auswirkte. Mit jeder neuen Emission, die den Emissionen in der Vergangenheit hinzugefügt wird, steigt die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre an (CO2 bleibt mehrere tausend Jahre in der Atmosphäre) und die Erderwärmung beschleunigt sich, das heißt, Emissionen sind kumulativ. (Ebd.: 11) Die Emission einer Tonne CO2 wäre nicht so gefährlich, wenn sich nicht schon Billionen Tonnen CO2 in der Atmosphäre befänden; es ist also die totale Akkumulation, welche die Temperaturen ansteigen lässt, und je mehr C02 ausgestoßen wird, umso geringer sind auch die Aussichten, den stattfindenden Anstieg überhaupt noch bremsen zu können.

Für Jason Moore ist der Kapitalismus immer mehr als nur eine Wirtschaft oder ein System; er ist eine Art, die Natur zu organisieren. Er bezeichnet den Kapitalismus als eine Weltökologie, die die Verbindung zwischen Kapitalakkumulation, Machtstreben und der Koproduktion von Natur stiftet und organisiert. Das Kapital benötigt die Produktion von billiger Natur, den vier “Cheaps”: billige Nahrung, billige Energie, billige Arbeit und billige Rohstoffe. Billige Natur wird produziert, wenn “Agenturen” wie das Kapital, die Wissenschaft und das Imperium billige Quellen in und aus der Natur für die Kapitalproduktion freisetzen – billig im historischen Sinne, da die vier billigen “Cheaps” dazu beitragen, die gesellschaftlich notwendige abstrakte Arbeitszeit zu reduzieren. 

Heute ist der Globus zu einer Müllhalde der Produktionsanlagen und der Konsumverarbeiter der Hypermärkte geworden. Im Hinblick auf die seit langem bestehende Verwüstung des Globus spricht Moore von einem “allgemeinen Gesetz der Überverschmutzung” und hebt drei Aspekte hervor: Erstens spezifiziert das Gesetz die relationale Asymmetrie zwischen Mehrwert und Überverschmutzung, wobei letztere eine nicht nachhaltige Folge der Verschmutzung ist. Die Überverschmutzung impliziert eine Tendenz zu nichtlinearen Verschiebungen und Steigerungen in allen Arten von sozio-ökologischen Systemen. Zweitens unterstreicht das Gesetz die zentrale Bedeutung der Grenzen der billigen Natur für die globale Akkumulation, da jede Grenze der Produktion heute auch eine Grenze der Verschwendung impliziert. So wird eine untrennbare Verbindung zwischen der eskalierenden Überverschmutzung und den imperialen Projekten der Abfallentsorgung hergestellt. Drittens wird die nichtlineare Entwicklung der Überverschmutzung in der Geschichte des Kapitalismus aufgezeigt, wobei jedes neue ökologische Regime nicht nur mehr Abfall produziert, sondern auch qualitativ neue und giftigere Formen von Abfall.

Die Überschussbevölkerung, insbesondere im globalen Süden, ist längst zu einer strukturellen Kategorie innerhalb der politischen Ökonomie geworden. Diese riesige Bevölkerungsgruppe leidet unter dauerhafter Unterbeschäftigung und ist gezwungen, in den informellen Ökonomien der Slums der Megastädte ein lebensnotwendiges Einkommen zu erzielen. Hinzu kommen international wandernde Flüchtlinge, die vor Kriegen, Unterdrückung und Naturkatastrophen fliehen und sich deshalb als Arbeitsmigranten an den Nicht-Orten der Welt aufhalten müssen. Die überschüssige Bevölkerung des globalen Südens konzentriert sich jedoch vor allem auf die “Planeten der Slums”, wie Mike Davis in seinem gleichnamigen Buch dokumentiert. Dort fristen Hunderte Millionen Menschen ein Leben in völligem Elend.

Mein Resümee lautet daher wie folgt: Die durch alle Medien, von links bis rechts, von der Neoklassik bis zum Postkeynesianismus geisternde Debatte Stimulus versus Austerität bescheinigt den Staaten unverdrossen die Potenz, Krisen noch lösen zu können – nur ist diese längst erschöpft. Die Profitraten in der Industrie stagnieren, während das ekstatische Wachstum des spekulativen Kapitals die Kluft zwischen orbital zirkulierendem Geldkapital und dem durch die Ausbeutung der Arbeitskraft geschaffenen Mehrwert ständig vergrößert. Mit dem Philosophen Fabio Vighi lässt sich von einem illiberalen Meta-Notfall-Weltsystem sprechen, welches die neue Normalität auszeichnet. Wenn nach Walter Benjamin die Katastrophe darin besteht, dass es immer so weiter geht, dann können wir in Zukunft mit einer für weite Teile der Weltbevölkerung immer unzumutbareren Drastik von Normalität rechnen, deren katastrophisches Moment sich kaum noch verschleiern lässt.

Joshua Clover, ein bedeutender revolutionärer Denker aus den USA, dessen wegweisenden Buch RIOT.STRIKE.RIOT von Achim Szepanski und Karl-Heinz Dellwo auf deutsch herausgegeben wurde, hatte uns für die Veranstaltung eine Videobotschaft gesendet (Text in deutscher Übersetzung durch Vincent Sauer, s.u.)

Musik, brachte man mir bei, hat die Kraft einen Streit zu beschließen, ohne Bedingungen zu nennen. Ich glaube, dass es sich mit Emotionen ähnlich verhält, damit, wie sich unser Fühlen außerhalb des logischen Schließens abspielt. Ich wünschte, ich würde alle Sprachen kennen und können und wüsste so die Geschichte aller Worte und Wörter, aber ich weiß nur wenig, etwas über dieses und jenes. Ich weiß, dass das Wort „Emotion“ im Englischen seine heutige Bedeutung im 19. Jahrhundert angenommen hat, aber bereits 200 Jahre davor ähnliche, anliegende Bedeutungen hatte. Früher noch betrat das französische „Émotion“ die englische Sprache, 1579, und meinte eine öffentliche Ruhestörung. Das Jahr markierte den Höhepunkt der französischen Religionskriege; rebellische Bauern töteten in Cuers 600 Adlige und vornehme Herren der herrschenden Klasse, die der Katholischen Liga angehörten. 

Dieses „émotion“ ist im heutigen Französisch immer noch hörbar in „émeute“, Aufstand. Im Deutschen gibt es den „Aufruhr“, der offensichtlich dem englischen „uprorar“ gleicht, meist aber als „Tumult“ übersetzt wird, ein lautes und wirres, verworrenes Geräusch, versursacht durch eine große Masse Menschen. So gelangen wir zum Italienischen “tumulti”: wiederum „Aufstand”. Ich könnte so weitermachen, weitergehen, tue ich aber nicht, denn niemand von uns macht immer einfach so weiter, das bringt der Tod mit sich. 

Aber es gibt auch keine Notwendigkeit weiterzumachen. Wir haben schon eine Form gezeichnet. Wir haben die Emotion, den Aufstand und den öffentlichen Lärm miteinander in Verbindung gebracht. Wir können von diesen drei sagen, dass sie Formen des Surplus sind: Surplus-Sound, Surplus-Gefühl, Surplus-Bevölkerung. Es gibt nur eine bestimme Anzahl von Beats pro Minute, bevor sich die Musik vom menschlichen Körper löst, von ihm abtrennt, abhebt. Es gibt ein bestimmtes Maß an Wut, bevor sich die öffentliche Versammlung vom Gesetz trennt, von ihm abhebt. 

Von Emotionen, vom Aufstand, vom öffentlichen Lärm kann man aber auch einfach sagen, sie sind „vom Volk“, sind „des Volkes“. Sie sind populär, man assoziiert sie mit und man findet sie in den lebendigen Stadtvierteln, in den proletarischen Vierteln. 

Wir können von diesen drei Dingen, von Emotion, Aufstand, öffentlichem Lärm auch sagen, dass viele von uns sie mit Achim teilten, und wir werden zusammengehalten — von unseren Ketten zwar, aber doch halten wir zusammen – in diesem Dreieck. Das besteht. Bis jetzt.

Joshua Clover, 23 November 2024

Darauf folgte ein performativer Vortrag von Lain Iwakura zu der Rolle des sonischen in Achim’s Denken, den Begriffen Ultrablack(-ness), Noise & der Überfressenheit der Hörenden, unterlegt durch ihre Arbeit “Monokultur (binaural)”.

Da der Vortrag improvisiert war ist das Folgende lediglich ein grober Versuch diesen schriftlich zu umreißen:

Nun. Ich kann kaum wiedergeben was Achim selbst gesagt hätte, stattdessen kann ich eher Fragmente, Bruchstücke, aufgreifen die in unseren gemeinsamen Diskussionen von Bedeutung waren, die meine Auseinandersetzungen prägten und unsere Entscheidungen über Veröffentlichungen mit Force Inc. & mille plateaux. Hervorheben will ich an dieser Stelle, das Ästhetik & Kritik (oder mit Baudrillard “Terrorismus des Gedankens”) nicht zwei voneinander getrennte Sphären sind. Grob werde ich den Begriffen Noise, Rhythmus & Ultrablack folgen.

Im Hintergrund läuft eine Arbeit von mir “Monokultur” – also eine dreifache Referenz auf die mono Produktion von Clubtracks, bzw. deren Basselementen, wie der hier benutzten 909 Bassdrum, als auch auf die Agrarproduktion, so wie die zu einem farb- und geschmacklos gewordene gleichförmige Masse an sog. ‘Kulturproduktionen’ -, die den gesamten Vortrag weiter mit Sound unterlegen wird. Schließlich ist das Ohr eines unserer Sinnesorgane, dass wir, ganz im Gegensatz zu den Augen, nie – selbst nicht im Schlaf -, abschalten können. Dementsprechend geht es also auch um die Unmöglichkeit, nicht zu hören.
Über die letzten Jahre ließen sich zwei Bewegungen erkennen:

1. Die Fragmentierung von ‘Subkultur’, als kleine Gemeinschaften, die eine gewisse ästhetische und weltanschauliche Vorstellung teilen, und über lange Zeit meistens durch eine bestimmte Musik als verbindendes Element behauptet wurde, führt zu einer Entkoppelung von Weltanschauung und Ästhetik. Damit einher geht auch eine re-ethnisierung, verstanden als Einschreibung lokalen Colours in den ‘global sound’. Dieser Prozess ist in doppelter Weise zu verstehen: Einerseits als Ausdruck & Mittel der Re-Nationalisierung und dem Zerfall einer klaren Unipolaren Weltordnung, andererseits – ganz im Sinne der Kosmotechniken bei Yuk Hui – als differenzierende Umgestaltung ihrer Strukturen bedingt durch andere kosmologische Weltanschauungen.
2. Die Muzakisierung aller Musik (Streamingdienste), und die Musikisierung alles Sonischen (vereinfacht: Pop nach Techno). So wird Musik zunehmend in Playlisten nach Vibes, Atmosphären & Gebrauch [siehe auch: ‘ambient fear’ & ‘low-level fear’, Brian Massumi] verwaltet, womit das individuelle und besondere des einzelnen Werks oder Tracks in den Hintergrund gerückt und, ganz (sich) dem Aktienhandel (an-)gleichend, durch den konstanten Flow ersetzt werden, wobei die Einführung einer Veränderung steht’s als Risikokalkulation gehandelt wird; jede Störung und Unterbrechung des Hörens soll vermieden werden. Dabei ließen sich zwei Strategien gegenüber stellen: Einerseits die eines kontinuierlichen Hintergrundgeräuschs [bspw.: ‘music to study to’, Lo-Fi Hip Hop, minimal, o.ä.] und andererseits die des diskontinuierlichen Exzesses [bspw.: die Verwendung von Sound in Socialmedia Plattformen, ‘post-genre’ DJ-Sets, o.ä.]. Beiden Strategien gemein ist es die Aufmerksamkeit bis zu einem gewissen Grad zu binden.
Wir wollen immer mehr hören, bis wir letztendlich gar nichts mehr hören. Wir essen immer mehr, bis wir letztendlich gar nichts mehr schmecken. Die Abtötung der Sinne findet im Exzess statt: Fressen bis wir kotzen müssen.

Was für mich dabei zentral ist immer und immer wieder zu betonen: es geht nicht darum, diese oder jene Kunst, dieses oder jenes Produkt, als besonders toll oder schrecklich auf oder abzuwerten, sondern vielmehr die Unmöglichkeit einer tatsächlich emanzipierten Kunst – die als bürgerliche eben jene Form der Abgrenzung zum alltäglichen Alltagstrotts bedurfte – zu erkennen, und doch gegen alle Unmöglichkeit deren emanzipatorisches Potential zu behaupten. Eine befreite Welt wird womöglich eher eine Form der nicht-Kunst kennen; in jedem Fall keinen Beruf der:die Künstler:in.

In dieser artikulierten Gleichförmigkeit mag Noise oder auch, Click & ‘Dark Glitch’ als ein Einspruch agieren. Wie NON, ein ‘Nein’, gegenüber dem vorgefundenen, gegebenen Falschen. Beide – Noise, Click & Glitch – führen das Nicht-Signal in die Musik ein, die dadurch im besten Fall nicht als Anti-Musik, sondern als Non-Musik produziert wird. Durch sie wird ein, von vornherein zum scheitern verurteiltes, Feld der Formlosigkeit eröffnet: Ultrablack. Zugleich birgt es immer die Gefahr integriert zu werden, lebendiges Rauschen – negatives Potential – das in eine lebendigen Kadaver transformiert wird.

Noise wird in der Signalanalyse [Claude Shannon, Mathematical Theory of Communication] zumeist als Störfaktor aufgefasst, eben als das Rauschen, welches das Nutzsignal überlagert, was in der Formulierung signal-to-noise-ratio (SNR) zum Ausdruck kommt.
Auch der Aufstand, den Riot, können wir als solche Störung verstehen, als etwas unfassbares und verschlossenes, das sich im gelungenen Fall der Kontrolle entzieht.
Der Aufstand ist jedoch nicht nur metaphorisch mit dem Noise verbunden, sondern auch in seiner Wortherkunft, weit es Gemeinsamkeiten auf [im Folgenden, siehe auch: David Wallraf, Noise as Sonic Experience]:
Das Wort Rumoren, sowohl Tumult und Unruhe, als auch dumpfe, polternde, krachende Geräusche, kommt vom italienischen rumori.
Im antiken Griechenland wurde dem Nicht-Griechen ein Barbarentum unterstellt, dass nicht der Logik und Wahrheit fähig wäre. Sie würden lediglich Geräusche, noise, produzieren.
“The riot, the street fight, and the demonstration may be understood as dynamic instances of
conflict and debate, as well as an audible interaction between writing (the dictates of law)
and noise (the suspension of law), an interaction that lends to defining history: on one side,
the law as a signature of written record, decree, juridical account, and on the other, a drive
toward its overturning, whose momentum relies upon, is initiated, or calls for the
development of a separate language, one that stands in op-position, or that brings the law
in its own hands. […] Thus, riots, street fights, and demonstrations produce an audibility that
seeks to overturn or overwhelm the written record, the law and house rule with a meaning
determined by volume and the promise embedded in making noise. Such actions in turn instigate new patterns, aiming to re-configure set rhythms with other timing. To break the law then is to also break the functioning order of a given system.” (Brandon LaBelle, Acoustic Territories: Sound Culture and Everyday Life)

Bisher haben wir von Noise vor allem als WhiteNoise (Noise bezogen auf das Frequenzspektrum) gesprochen, nun wäre es angebracht auch über BlackNoise (Noise bezogen auf die Zeit) zu sprechen.
Somit kommen wir auch zu der Frage der Zeitlichkeit des Aufstands, oder Noise, und der möglichen Bedeutung die eine Auseinandersetzung mit Rhythmus(-analyse) in diesem Kontext spielen könnte.
Rhythmus ergibt sich aus Noise – sowie sich Signale im Gehirn aus dem Rauschen der Neuronen ergibt [vgl.: Thomas Nail, Most brain activity is “background noise” — and that’s upending our understanding of consciousness]. Noise ist eben nicht etwas das einfach nur als Störfaktor einstreut, sondern die Basis aus der heraus sich durch Überlagerungen, Interferenzen, Betonungen, und Abschwächungen Rhythmus ergibt. Dabei muss dieser als Superposition in eins gedacht werden: Rhythmus ergibt sich aus Noise und ist zugleich selbst dieses Noise.

Vor vielen Jahren als Achim und ich uns kennen lernten, war er meistens bei den wöchentlichen Barabenden bei denen ich DJ Sets spielte – hier verbrachte er währenddessen regelmäßig seine Zeit damit, das Soundsystem übertönend, mir Theorien und Gedanken ins Ohr zu sprechen -, die sich für gewöhnlich nicht an genre-, Tempo, Harmonie-, oder sonstige Grenzen hielten, sondern Dissonanz, Spannung und Noise erzeugen sollten, kam er zu der Formulierung, dass es darum gehe den Rhythmus wie mit einen Bulldozer zu überfahren und den kontinuierlichen, linearen Zeitfluss zu unterbrechen, was in der Aussage “tic – toc – fuck the clock” zusammengefasst wurde. Tic, unbetont – toc, betont – … Ein Kreislauf der sich womöglich durch seine inheränte Überreizung selbst Überschlägt.

Die Geschichte der Bewegung(en) lässt sich eben auch als die polyrhythmischer Relationen verstehen. Wie der Kreislauf der Krisen, gibt es auch einen Kreislauf des Erstarkens von Widerstandsbewegungen. Eine Bewegung wie “ni una menos”, die Aufstände des arabischen Frühlings, o.ä. breiten sich in der näheren Umgebung aus, bis sie in der Ferne zunächst als Echo und dann als Nachhall reflektiert werden. Dabei sind diese nicht als einzeln zu verstehen, sondern als potentielle Überlagerungen, die sich mal verstärken und mal abschwächen, die gleichzeitig oder in Serie auftreten können, und eben aus dem Noise, dem Tumult und der allgemeinen Unruhe heraus entstehen – man könnte sagen sie liegen in der Luft.

Jedoch, und hier kommen wir zum Konzept der Ultrablackness, lässt sich Noise ebenfalls als ein Noisy-Konzept verstehen, ein Begriff der sich selbst bei jedem Definitionsversuch der Definition entzieht. Dementsprechend geht es auch um eine Art Indeterminierung des Outcomes, ein öffnen der scheinbar festgeschriebenen Zukunft – die mit jedem voranschreiten des spekulativen Kapitals und der mit ihr verbundenen Kontrolltechniken (z.b. Risikomanagement) weiter verschlossen wird.
Ultrablack, als negatives Potential, ist das perfekte Verbrechen und birgt in sich eine Vielzahl an disparaten Begriffen: Negation, Non oder Nein, Noise, nicht-identisch, nicht-unmittelbar, trauma, Undurchsichtigkeit, Heterogenität, non-sense, nicht-Systematik, usw. usf.
So verstanden ist Ultrablack ein leerer Platzhalter für den Einspruch, eine Absage, ein Wider-Sprechen und Zeichen für die Unmöglichkeit eines abschließenden Denkens.
In heutigen Zeiten vielleicht bedeutender denn je: “If there’s nowhere to go, go nowhen.”

[An dieser Stelle würde ich gerne auf einen Text verweisen der als erster Entwurf für das sich noch in Arbeit befindliche “Ultrablack of Music II” gedacht war.]

Im Anschluß an diese Beiträge hat Sascha Kösch noch Musik aus dem Umfeld von Force Inc. & mille plateaux aufgelegt, während wir noch den einen oder anderen Schnaps auf Achim getrunken haben. 

Einige weitere Interviews zu Achim Szepanski sind auch hier in der Groove erschienen.